Zweiquellen-Recherche
Tja, es gibt beim Bloggen mindestens dieselben bitteren Momente wie im Fußball. Hat gestern jemand den Ausgleich von Frankreich in der Verlängerung des Relegationsspiels gegen Irland gesehen? Wie Henry den Ball absichtlich mit der Hand mit nimmt? Ausgerechnet Thierry Henry, der Gutmensch des runden Leders, der Intellektuelle, der Weltverbesserer? Ja, tatsächlich, der ist sich im entscheidenden Moment nicht zu schade, einen kleinen, miesen Betrug zu begehen. Frankreich macht das 1:1 und fährt nach Südafrika. Irland ist draussen und die Schiedsrichter, die gesamte irische Mannschaft, die 20.000 mitgereisten Fans sind einem Betrüger aufgesessen.
Ich bin bei meinem letzten Beitrag keinem Betrüger aufgesessen sondern meiner eigenen Bequemlichkeit. Habe ich mich doch bei meinem (nach wie vor berechtigten) Wutausbruch über das musikalische Rahmenprogramm zum 20. Jahrestag des Mauerfalls auf nur eine einzige Quelle verlassen. Und somit gegen das eherne journalistische Prinzip der Zweiquellen-Recherche verstoßen. Wie gesagt, kein Betrug aber das Gefühl ist mindestens ebenso bitter. Liebe Leser, es tut mir leid.
Also werde ich das jetzt mal klar stellen: Die Ode an die Freiheit stammt nicht aus der Feder von Friedrich Schiller sondern von Adolf Glaßbrenner. Friedrich Schiller hat die Ode an die Freude geschrieben, die von Leonard Bernstein euphorisch anlässlich eines Konzerts der Berliner Philharmoniker zum Mauerfall kurzerhand in Ode an die Freiheit umbenannt wurde. Und: Friedrich Schiller und Adolf Glaßbrenner sind sich nie begegnet. Für den BtoB-Werber bedeutet das: Verstoße nie, nie, nie gegen das Prinzip der Zweiquellen-Recherche. Rede immer mit dem Kunde und seinem Publikum. Hör dir an, was der Entwickler erzählt und befrage dann noch den Produktmanager. Und veröffentliche nur, was du ganz sicher weißt. Spätestens jetzt müssten meine beiden Klugscheißer-Kollegen in Düsseldorf, die meinen Fehler natürlich sofort entdeckt haben, auch wieder zufrieden gestellt sein. Alles klar, Jungs? ; ))
Soweit mal die Richtigstellung. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der zur offiziellen Hymne erklärte gesangliche Unfall “We are one” eine weit unterdurchschnittliche intellektuelle Herausforderung für jeden Zuhörer darstellt. Und dass Friedrich Schiller einfach großartig ist. Und Zeit seines Lebens ein rebellischer Freigeist war. Und welches Potenzial der bedauernswerte Mensch verschenkt hat, der entschied, dass “We are one” statt die “Ode an die Freude” gesungen wird, kann man jetzt eben in der Werbung betrachten. Die Telekom zeigt wie so etwas geht, wie man solch ein Ereignis entsprechend seiner Bedeutung würdigt (http://www.youtube.com/watch?v=AVV8_4GaXrs). Womit wir wieder beim Anfang wären: Ausgerechnet Thierry Henry, ausgerechnet die Telekom.
Jörg Dambacher
